Darf man das?

Als Indianer an die Fasnacht? Buddha auf dem Klodeckel? Hennatattoos am Festival? Darf man das? Das haben wir uns auch gefragt. Deshalb haben wir uns dieses Jahr mit dem Thema der kulturellen Aneignung befasst - also der Frage, wo unser Kulturkreis z.B. Muster, Mahlzeiten oder Symbole anderer Kulturen nutzt. Schnell wurde klar, dass die Frage nicht mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden kann. Vielmehr bedarf es einer kritischen Auseinandersetzung und einem sensiblen und bewussten Umgang mit Kulturen in unserem Alltag. Denn wer möchte schon auf seine italienische Pizza verzichten?

Mohrenkopf oder Schokokuss?

Die Diskussion und die Fragen kennt jeder: "Ist dieses Wort politisch korrekt) Darf man das sagen?" Im Artikel von Telebasel werden Meinungen zum Begriff Mohrekopf ausgetauscht und es wird eine weitere, unerwartete Definition von 'Mohr' aufgeworfen ...

 

Der Bumerang

- modisches Accessoire oder Waffe?

Im Frühling 2017 sorgte Chanel für Furore, da ein teurer Bumerang Teil der neuen Kollektion war. Dieser wurde als Sportobjekt deklariert. Chanel wurde scharf kritisiert, da der Bumerang aus Australien stammt und von den unterdrückten Ureinwohnern noch heute als Waffe verwendet wird. In diesem Artikel wird die Geschichte sehr gut zusammengefasst:

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Buddha im Wellnessbereich

Die Philosophin Catherine N ewmark, die Trendforscherin Marta Kwiatkowski und Stephanie Lovasz, Kuratorin am Museum der Kulturen Basel, diskutierten an einer Veranstaltung im Museum der Kulturen über die Faszination des Westens für den Buddhismus. Das folgende Protokoll fasst die Diskussion zusammen.

Wie viel Buddhismus ist im Wellness-Buddha enthalten? Nicht viel. Aber der Buddha verspricht Ruhe, und passt somit ganz gut in den Wellness-Bereich. Beim buddhistischen Buddha geht es jedoch um geistige Ruhe und beim Wellness-Buddha um eine körperliche.

Was sind Gründe für die Faszination? Es gibt zwei entscheidende Gründe: die grundsätzlich vorhandene Faszination für das Andere und die erhoffte Hilfe im Alltag (Die Hilfe der Meditation ist neurobiologisch bewiesen).

Kann man in diesem Zusammenhang von Kulturaneignung sprechen? Gemäss Catherine Newmark können Kulturen als Ressourcen angesehen werden, die jedem zugänglich sind. Kulturen kamen schon immer in Kontakt und vermischten sich, das ist eines ihrer entscheidenden Merkmale. Besonders mit Blick auf die Globalisierung sollte kulturelle Aneignung milde beurteilt werden.

Darf man das? Als Beispiel wird ein Klodeckel genannt, auf dem ein Buddha abgebildet ist, dies kann man tatsächlich bei Amazon bestellen: Grundsätzlich ist die Fusion von (exotischen) Elementen aus zwei Kulturen sehr reizvoll, besonders aus der Perspektive des Konsums. Es gibt unbegrenzte Möglichkeiten bei der Fusion, was zusätzlich interessant ist. Das Aneignen von Ressourcen muss immer mit Respekt und einer Ernsthaftigkeit geschehen. Und es braucht eine Begründung, warum und wo etwas angeeignet wird. All das scheint beim Buddha auf dem Klodeckel nicht geschehen zu sein.

 

Internationale Stimmen zur kulturellen Aneignung:

Sam von imagine South Africa

"In South Africa we have 11 languages, more than 6 different cultures. Cultural appropriation is something we see, use and experience everyday but never really speak about its implementation and effect it might have on the minority cultures. I am quite familiar with this topic because we are living in a very diverse country. Cultural appropriation becomes something that we do in our everyday lives. In South Afnca it is more used as a coping mechanism than as a negative practice of oppressing and showing of disrespect. For me, personally, cultural appropriation is very important because in order to survive I had to leam the language, way of living, how to dress and how to behave in a way that seems important for the dominant culture. This is not a choice, it is something we have to do to fit in, to be accepted by the society and to achieve certain important goals. For example, Cultural appropriation mainly occurs in a formal setting, like the educational system where firstly you have no choice but to learn using the dominant cultures' language. This is where it an begins with the country's rules and law that favors dominant cultures and it use over minority culture. For me, part of culture involves how we dress, speak, the language we use, how we behave, the social norms and values, the expectations and teachings from our own biological culture of what is considered correct, appropriate and accepted from that culture. There are no written documents or formal instructions and rules on how a certain culture has to wear or what language to use besides English. So, everyone, from any culture can do whatever he/she want to adopt from another culture. Usually we see whites and Indian people speaking isiZulu with an aim of being accepted and fit in with black people and isiZulu speakers. Also, we see lot of White people wearing other cultural traditional clothes and they are not critized but rather encouraged as this seems to unite and bring diverse cultures together. The newspaper article is interesting and surprisingly on how the American audience wanted an origmal song with the lyrics they did not understand. It is amazing that people in the olden days lived their lives without cultural appropriatmg. Which I think is difflcult in the modern day to interact with different people, especially in a diverse place like ours without cultural appropriating. Yes, we do have White people with corrnows and they are allowed to do them In South Africa cultural appropriation is seen as a positive, significant strategy of uniting different cultures. Such practices of cornrows by white people are encouraged. Also, white people are allowed to wear indigenous clothes and jewellery from other cultures as it is something viewed more positively."

 

Internationale Stimmen zur kulturellen Aneignung:

Juanes von imagine Colombia

"Ist diese Thematik in eurem Kontext präsent? Ja, es ist eine präsente Thematik in unserem Kontext, da unsere Kultur beeinflusst wird von stärkeren Kulturen, welche sich durch den Markt und die Kolonialisierung durchsetzten. Zum Beispiel die USA, Europa etc. Viele soziale Organisationen (antikolonial und antikonsum) richten ihre Arbeit darauf aus, dass Personen mehr über ihre eigene oder traditionelle Kultur der Region lernen. Von da kommt, dass viele soziale Prozesse in Süd- und Zentralamerika den Schutz der Erde und der Umwelt fördern und die Menschen dazu einladen, sich mit der Umwelt zu verbinden und gleichzeitig das traditionelle und populäre Wissen freizusetzen und sichtbar zu machen, beispielsweise in den Gebieten der Ernährung, der Pflanzen (v.a. medizmisch), soziale Ästhetik, Wasser, Tiere etc. Alltägliche Praktiken von der indigenen Bevölkerung, von Bauern/Bäuerinnen und Einwohnerinnen mit afrikanischen Vorfahren, die eine sehr lange Tradition hatten, gingen mit der Kolonialisierung und dem Krieg verloren.

Ist es eine relevante Thematik für euch? Ja, obwohl wir uns nicht direkt damit befassen. Unsere Thematik ist das Recht auf Land und die Friedenskultur, was auch gut damit verknüpft werden kann, weil das Ziel dasselbe ist: in der Gegenwart das Wissen, welches von unseren Vorfahren kommt, freisetzen und bewahren.

Was versteht ihr unter Kulturei/er Aneignung? Wir verstehen darunter die Art, mit der Personen ihr Territorium anschauen, es kennenlernen und sich Wissen darüber aneignen, welches Überlegungen möglich macht, sodass die Personen gestärkt werden und Praktiken, welche verloren gingen, wieder aufgenommen werden können.

Wo ist die Kulturelle Aneignung in eurem Kontext präsent? In Kolumbien kann sie am emfachsten in den indigenen Gemeinschaften, bei Bauern/Bäuerinnen und bei Einwohnerinnen mit afrikanischen Vorfahren beobachtet werden, vor allem in ruralen Gebieten. Beispiele sind: Comunidad de San Basilio de Palenque, Comunidad de paz de San Jose de Apartado, um zwei zu erwähnen, welche auch international bekannt sind. Auf der anderen Seite, aus dem akademischen und universitären Blickwinkel betrachtet, spricht man von Epistemologfas del Sur, das ist eine viel politischere Angelegenheit, welche an eine neue Form der Entwicklung appelliert und sich der hegemonischen westlichen Vorstellung der Entwicklung gegenüberstellt, welche aus den USA und aus Europa kommt.

Was ist für euch Teil der Kultur? Für uns ist Kultur die Art, wie sich Personen verbinden und Formen konstruieren, welche den Anspruch auf Identität, Traditionen und Praktiken haben"

 

"Kostüme sind nicht unschuldig!"

Ein Interview der ZEIT mit der Kulturwissenschaftlerin Noa K Ha über Stereotypen, Karnevalskostüme und wie das mit Rassismus und Diskriminierung zusammenhängt. Sehr lesenswert und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an!

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